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Viele schöne Erinnerungen – und keinerlei Wehmut
Text und Interview: Regula Elsener Steinmann
WAM – drei Buchstaben, die für einen der vielseitigsten Schweizer Künstler al- ler Zeiten stehen: den Schauspieler und Parodisten Walter Andreas Müller. Doch WAM ist eben noch viel mehr: Der Zür- cher war auch in verschiedenen Musicals und TV-Produktionen dabei, schreibt Hörbücher und moderierte 42 Jahre lang beim Radio.
Haben wir etwas vergessen?
Ja, dass er sich mit seinen unzähligen Rol- len in die Herzen des Publikums spielte: Angefangen beim Adam Chifler im «Traum- paar» über den Kellner Hans in der Sitcom «Fascht e Familie» bis hin zum Globi. Nicht zu vergessen seine zahlreichen Parodien, die er zusammen mit Birgit Steinegger fast drei Jahrzehnte lang in der Radiosendung «Zweierleier» und später auch im TV bei «Giacobbo/Müller» oder «Classe Politique» zeigte.
Hier muss Schluss sein mit der Aufzählung, denn eine komplette würde diese Seite sprengen. Nur die aktuelle Produktion sei noch erwähnt: Nach einer coronabeding- ten Pause ist Walter Andreas Müller bis kommenden Frühling nämlich nochmals in der Komödie «Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde» zu sehen. Dies bei den «Kammerspielen Seeb» in Bachenbülach und im April 2021 im Zürcher «Theater am Hechtplatz».
Privat lebt er mit seinem Partner seit vielen Jahren im Zürcher Oberland – und feierte Anfang September den 75. Geburtstag.
Was löst die Zahl 75 bei Ihnen aus?
Sie lässt mich vermehrt die Frage stellen: Wie viel Zeit bleibt mir noch? Mein Vater wurde 80, das wären noch fünf Jahre. Um Gottes Willen, ich will doch noch so viel erleben und erledigen! Aber schön ist: Der Gedanke lähmt mich nicht. Im Gegenteil. Er motiviert viel eher, vorauszuschauen und noch einige Dinge anzupacken.
Schwingt auch ein bisschen Wehmut mit, wenn Sie auf Ihr Leben und Ihre Karriere zurückschauen?
Überhaupt nicht. Ich bin diesbezüglich kein
Romantiker. In 50 Jahren auf der Bühne er- lebte ich unheimlich viele Highlights. Und doch man sollte das Vergangene stets auch im richtigen Licht sehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: 1978 spielte ich zum ersten Mal in «Die kleine Niederdorfoper». Mit dabei wa- ren Ruedi Walter, Margrit Rainer und viele andere. Das war damals nichts Ausserge- wöhnliches. Dieses Original wird nun aber oft hochstilisiert. Das finde ich schade, denn es schmälert nicht zuletzt die Leistung der heutigen Theaterschaffenden, die gerade das Boulevardtheater meiner Meinung nach entstaubten und leichtfüssiger machten.
Was viele nicht wissen: Sie spielten auch ernste Rollen, etwa mit Jörg Schneider in «Ändspiel», einer Mundartfassung von Samuel Becketts berühmtem Drama. Ha- ben die Zuschauer das goutiert?
Das Problem war, dass die Leute sich vorab zu wenig informierten, wofür sie da Tickets gekauft haben. Ich weiss noch, wie Jörg und ich erstaunt waren, als bei gewissen Vorführungen in der ersten Reihe lauter Eltern mit ihren Kindern sassen. Die dach- ten, der «Kasperli» und der «Globi» kommen, das wird lustig! Nach wenigen Minuten lich- teten sich die Reihen ...
Was haben Sie gemacht?
Weitergespielt. Ich habe ja auch immer wieder Charakterrollen übernommen, wie in Molières Komödie «Der eingebildete Kranke» oder im Moment gerade in «Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde». Denn für mich macht es keinen Unter- schied, ob ich nun den Christoph Blocher oder Hamlet spiele. Die schauspielerische Leistung bleibt die Gleiche. Aber im Kopf der Menschen gerät man irgendwann auf eine «gewisse Schiene». Das ist einfach so, hat aber nie an meinem Ego gekratzt.
Wirklich nicht? Auch nicht, dass Ihnen die grosse Filmrolle – vielleicht deswegen – bisher verwehrt geblieben ist?
Natürlich wäre ein Film noch immer ein grosser Traum. Ich sage immer: Meine liebe Kollegin Stephanie Glaser musste 80 wer- den, bis sie in «Die Herbstzeitlosen» spie- len durfte. Da habe ich noch Zeit (lacht.) Vielleicht war ich auch einfach zu faul: Für Filmrollen muss man Klinken putzen, bei Castingagenturen anklopfen. Das habe ich
zu wenig gemacht. Denn wissen Sie, ich bin wirklich, wirklich zufrieden. Ich konnte über all die Jahre so viele wunderschöne Sachen machen.
Wie zum Beispiel die Globi-Produktio- nen. Die sind Ihnen besonders ans Herz gewachsen.
Oh ja, und wie! Seit 20 Jahren schreibe ich die Hörbücher zu den Globi-Geschichten ja selbst. Das aktuelle Buch heisst «Globi auf der Alp», anfangs 2021 kommt das nächste raus. Und parallel dazu wie immer unsere CD. Wenn ich sehe, wie Eltern, die früher selbst Globi-Fans waren, diese Leiden- schaft nun an ihre Kinder weitergeben, habe ich «eifach de Plausch».
www.w-a-m.ch
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